Erste Vermessung von Kuhls Kosmos

von Dr. Rainer Moritz ©2009

Wenn sich ein Schriftsteller aus der Hochliteratur Elementen der Weird – und Pulp Fiction bedient, sorgt das unter deutschen Studienräten noch immer für Kopfschütteln. Die Rede ist hier von Thor Kunkel, dessen Roman-Debüt 1999  beim Klagenfurter Wettlesen mit dem Ernst-Willner-Preis bedacht wurde und dessen Portrait einer Jeunesse Dorée unter dem Hakenkreuz nur wenige Jahre später – im Frühjahr 2004 – für einen handfesten Skandal im Literaturbetrieb sorgte.

Kunkel wurde anfangs mit Größen wie Bret Easton Ellis („American Pycho“) und dem Franzosen Michel Houellebequ („Elementarteilchen“) verglichen, beide Autoren erzielten mit ähnlich kompromisslosen Texten in ihren Ländern Welterfolge.

Mit seinem neuen Roman „Kuhls Kosmos“, verdichtet sich nun der Verdacht, dass es sich auch bei Kunkels Roman „Endstufe“ um ein transgressives Meisterwerk handelt. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Dr. Gunter Nickel, Lektor des Deutschen Literaturfonds, in seiner vergleichenden Analyse für die Literaturzeitschrift »Volltext«. (02. 2008 / Ausgabe 36). Nickel rückt Kunkel zurecht in die Nähe von Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten“), der ebenfalls die stilistischen Mittel des Pulps bemühte und damit einen Bestseller landete.

Neo-Pulp Fiction oder viel mehr?

Pulp Fiction unterscheidet sich von herkömmlicher Kriminalgeschichten durch einen „gedanklichen Mehrwert“ (FAZ, 11. 3. 2009). Eine gute Absicht der Schöpfung wird in Frage gestellt, der Naturzustand des Menschen, dem „eines aus den Fugen geratenen Mörders“ (Niko Tinbergen) gleichgesetzt. Die Zivilisation wird als Tünche entlarvt. Vor diesem Hintergrund erscheint jede Moral nur als Erfindung der herrschenden Klasse, die sich selbst nicht an diese Verabredungen hält. Dieses Un-Heimliche breitet sich weiterhin aus, es ist „niemandem zu vertrauen“, die vermeintliche Wahrheit ist oft nur eine zynische Brechung der Lüge. Nicht anders geht es in „Kuhls Kosmos“ voran. Die Ambivalenz der Handlung erzeugt beim Lesen einen ununterbrochenen Strom von bedrohlichen Suggestionen oder wie die SÜDDEUTSCHE am 2.2. 2009 so treffend über Kunkels Schreiben befand: „Die Haltung ist hier wichtiger als die Handlung.“ Hier kommt das Gefühl einer Generation zum Ausdruck, die es gelernt hat mit den Kicks der Ambivalenz und des Klischeebruchs zu spielen. Und die sich gerne „mit Antihelden identifiziert“.

Die Geburtsstunde des Kunkelversums

In dieser Hinsicht ist Kunkels als Pulp Fiction getarnte Philosophie die Echokammer eines bösartigen Universums. Sie serviert unverblümt die bittersten Wahrheiten über die menschliche Existenz, ihre Haltung entspricht dabei der Aufklärung und wie diese zielt sie auf Erkenntnisgewinn ab. Es lohnt sich daher auf Untertöne zu achten. Nichts schützt die „Helden“  vor den irrationalen Zumutungen einer Außenwelt, die zwar ihr Handeln bestimmt, aber deren wahren Motive sie in den seltensten Fällen kennen. Alle Verlässlichkeit hat sich als Ammenmärchen erwiesen, nicht einmal der Schein ist mehr schön. Wie wir in diese undurchsichtige Welt kamen, wissen wir nicht, doch eine lebenswerte Gegenwart sieht gewiss anders aus. Und was unterscheidet uns – überspitzt gefragt – noch von den  alltäglichen Horrorgestalten, denen wir nachts in der U-Bahn begegnen?

All das könnte einen eher abschrecken, wäre da nicht Kunkels „einzigartiges Talent“ und eine „bisher unbekannte Erzählqualität“ (Titel-Magazin, 20. September 2008) im Umfeld deutscher Literaten. Hendrik Werner von der WELT empfand „Kuhls Kosmos“ sogar als ein „nettes Stück Popliteratur“.(4.10. 2008). Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung besprach Kunkels Roman am 14.September 2008  überaus wohlwollend und attestierte dem Autor „Dialoge, wie das seitenlange Ablehnen von Jobangeboten aus ethischen Gründen “ seien »sensationell komisch«.

Kunkel selbst betrachtet seine Romane eher aus der Perspektive des passionierten Erzählers, der niemals sein Handwerk vergisst: Zu seinen schriftstellerischen Absichten schreibt er:

»Ich bin für eine Literatur, die ihre Form aus den Konturen des Lebens bezieht, die politsch-erotisch-mystisch, schwer, leicht, ungehobelt, schön und stupide ist wie das Leben selbst und mehr tut als nur die Bedürfnisse von Bildungsbürgern zufrieden zu stellen.« 

Diesen Balanceakt zu vollbringen, verspricht auch Kunkels neuester Roman „Im Garten der Eloi“, der im Februar 2020 im Europa Verlag erscheint.

Pressestimmen zu »Kuhls Kosmos«, PulpMaster-Verlag, Berlin

„Sensationell komisch – ein rasant brutales, freudvoll- desillusioniertes Abrechnungsbuch mit der Welt.“– Volker Weidermann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG, vom 14.9.2008

„Ein gutes Buch, ein freches Buch, ein dreckiges Buch.“

– DEUTSCHLANDRADIO KULTUR, 14.11.2008

„Kuhls Kosmos fordert seine Leser zum Mitdenken auf, und dies auf äußerst unterhaltsame Weise.“

– CRIMICOUCH, 11/09

„Ganz entschieden gegen jede Art von Zeitgeist verfasst – damaligen wie heutigen – und mit seinem Hang zu gallig-polemischen Rundumschlägen.“ – TEXT-UND–WEB.de 10/2008

„Kuhls Kosmos” ist eine brillante Melange: selbstreflektiert, juvenil und actionreich. Kurz: ein wunderbares Stück Literatur zwischen Wahnsinn und Pulp Fiction-Kino“.

– FINANCIAL TIMES, 20.10.2008

„… es wimmelt vor Trash und prekären Charakteren. Ein nettes Stück Popliteratur.“ – DIE WELT vom 4. 10.2008

„Und Kunkels Krimi ist viel mehr: die Verbindung von Pop-Lifestyle, Punk-attitude und Gossenflair, der Autor ein Amok-Autor im besten Sinne des Neo-Pulps.. .”                                                          – SÜDDEUTSCHE vom 2.2.2009

„Thor Kunkel schafft es zwischen Gallus-Viertel und Hauptwache ein völlig fremdes Universum zu inszenieren, das durch seine Überdrehtheit nicht weniger realistisch ist als eine gnadenlos reduzierte Black Community in einem Mosley-Roman.“

– TITEL-Magazin, 20. 8. 2008

„Thor Kunkel hat die seltene Gabe, die Tugenden der Sprengmeisterei, der Moralistenkanzel und der Satirebühne in gütlich-virulent miteinander zu vereinen.“

– LITERATURWELT, 16.10.2008

„Dieser Schriftsteller ist noch lange nicht an seinem Zenit angekommen,

geschweige denn seinem Ende. Man kann sich nur darauf freuen, mehr von ihm zu lesen.“

– DIE BERLINER LITERATURKRITIK, vom 26.11.2008

Literaturwelt.de. Der Blog. 15.10.2008

»Kuhls Kosmos«, vor ein paar Wochen erschienen, ist die Fortsetzung von Thors gigantisch-irrwitzigem Debutroman »Das Schwarzlicht-Terrarium« aus dem Jahre 2000. Wieder nimmt uns Kunkel mit in die pervers-verquere Epoche Ende der Siebzigerjahre. Thor Kunkel hat die seltene Gabe, die Tugenden der Sprengmeisterei, der Moralistenkanzel und der Satirebühne in gütlich-virulent miteinander zu vereinen.

Hinter-Net : Weblog-Rubrik: Watching the detectives.

21.10.2008

Schön, wenn ein Kriminalroman einen Anhang hat. Der von „Kuhls Kosmos“ ist reichhaltig, eine Liste der im Besitz des am 31.12.1979 ermordeten Rio Bravo vorgefundenen Schallplatten, sämtlich Produkte dessen, was man zur damaligen Zeit „Diskowelle“ nannte. Zusammengestellt hat die Liste der mit der Aufklärung des Falles beauftragte Frankfurter Kriminalkommissar Jörg Herbricht, kurz bevor er die Akten schließt. Der Fall nämlich ist „an Komplexität kaum zu überbieten“, die Auflistung der Schallplatten ein letzter verzweifelter Versuch, die Zeichen zu lesen. Gibt es da nicht Satanismen? Was bedeutet es, dass Giorgio Moroder der Neffe von Louis Trenker ist? Was hat die Hochfinanz mit der Sache zu tun? Aberwitzige Dechiffrieransätze.

Die Geschichte ist auf den ersten Blick recht simpel. Kuhl, Rio und andere Jugendliche leben in „Kamerun“, einem Frankfurter Stadtteil, von dem anzunehmen ist, er beherberge nicht die Gewinner des Finanzcrashs. Jungs ohne Zukunft halt, Kleinkriminelle, die mit GIs Waffengeschäfte machen, wohl auch mit Drogen dealen und mit verblüffender Kreativität Verdienstmöglichkeiten suchen. Kuhl z.B. hat eine Idee. Man müsste die Wohnung eines Rentners beobachten. Eines Rentners, der jeden Monat sein Geld von der Bank abhebt. Irgendwann wird der Rentner sterben, das haben die so an sich, und es merkt ja auch keiner hier. Man wartet also, bis der Rentner tot ist (sieht man, wenn abends kein Licht brennt), dann geht man rein in die Wohnung und greift sich die Knete. Eine wundervolle Idee des Autors übrigens, leider geht die Rechnung des Ausführenden nicht auf. Oder man versucht, aus einem Supermarkt ein paar Flaschen Schnaps zu schmuggeln. Ohne zu bezahlen. Hätte beinahe geklappt. Leider finden sich Kuhl und Rio unvermittelt in einer atemberaubenden Jagd durch das Kaufhaus wieder, gehetzt von blutrünstigem Wachpersonal.

Das ist das eine Leben der Kameruner Jungs. Dann endet es abrupt. Kuhl verschafft sich eine große Geldsumme; leider lassen dabei die Vorbesitzer ihr Leben. Er setzt sich ab auf die Bahamas, führt ein Leben in Müßiggang, lernt Filmemacher und andere Dubiositäten kennen, die mit ihm Geschäfte machen wollen, ein etwas gealterter Pornostar kreuzt seinen Weg – doch Kuhl denkt nur an den nahen 31.12.79, Ende des Jahrzehnts, das auch das Ende Kuhls werden soll. Er will sich einen standesgemäßen Abgang verschaffen: Geschlechtsverkehr und beim Höhepunkt: Kugel in den Kopf. Es kommt wieder ein wenig anders.

Am 31.12.79 stirbt Rio, ermordet. Kuhl wird davon nichts erfahren. Zu sehr ist er mit seinem eigenen Ableben beschäftigt, er reflektiert seine Vita, bisweilen ein wenig zu vertrackt für einen einfachen Jungen aus den schlechteren Vierteln von Frankfurt, er weiß, dass an Sylvester 1979 nicht nur das Jahrzehnt seinen Geist aufgibt, sondern auch alles, was er damit verbunden hat.

Man könnte den Text tatsächlich so lesen. Dann läse man einen teilweise sehr witzigen, teilweise auch gewollt mit den Klischees des Pulp posierenden Roman. Man kann ihn aber auch anders lesen. Als den Roman eines Jungen, der niemals aus „Kamerun“ herauskommt, seine Diskoplatten hört und sich in die Illusion einer anderen Welt, in seine utopischen Bahamas hineindenkt. Das nennt man „längeres Gedankenspiel“. Dann wird „Kuhls Kosmos“ wirklich zu Kuhls Kosmos, zu den Tagträumereien eines qua Herkunft Gescheiterten, in einer Welt aus Dreck, der sich im Diskorhythmus zu Gold verwandelt, aber die Welt hört trotzdem nicht auf, aus Dreck zu bestehen.

Für mich ergibt diese Lesart mehr Sinn. Sie macht aus einer hübschen chronologisch erzählten Geschichte eine beklemmend vertrackte, in der sich die Wirklichkeit nicht einmal mehr in Gedanken überwinden lässt. Ein lohnendes Buch mit vielen gelungenen Schnappschüssen allemal.

dpr

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos. Pulp Master 2008. 333 Seiten. 13,80 €

THOR KUNKEL: „KUHLS KOSMOS“

Donnerstag, 16.10.2008, Nachtleben, Frankfurt am Main

Stichworte: Konzert

THOR KUNKEL: „KUHLS KOSMOS“

Lesung (teilbestuhlt)

Es war nur eine Frage der Zeit: Nach 4 Jahren meldet sich Thor Kunkel zurück.

Neo-Pulp für Fortgeschrittene, made in Germany. Thor Kunkels bitterböse

Coming-of-age-Story „Kuhls Kosmos“ erinnert an seinen preisgekrönten Roman Das Schwarzlicht-Terrarium und daran, dass es erst vorbei ist, wenn es vorbei ist.

„sensationell komisch“ FAS,14.09.08

Kuhls Kosmos und ist ein rasant brutales, freudvoll-desillusioniertes Abrechnungsbuch mit der Welt. (…) Sensationell komisch.“

FAS, 14.9.08.

„ Thor Kunkel schafft es, zwischen Gallus-Viertel und Hauptwache ein völlig fremdes Universum zu inszenieren, das durch seine Überdrehtheit nicht weniger realistisch ist als eine gnadenlos reduzierte Black Community in einem Mosley-Roman.“
Titel-Magazin, 20.9.08.

„… es wimmelt vor Sex, Drogen, Trash und prekären Charakteren. Ein nettes Stück Popliteratur.“
Die Welt, 4.10.08.