Notizen eines Gedankenverbrechers

Die folgende Einleitung stammt aus dem bisher unveröffentlichten Sachbuch „Notizen eines Gedankenverbrechers oder Wie man einen Literaturskandal überlebt„. Kunkel beschreibt darin die unmittelbaren Folgen des Skandals und seine Verfolgung durch politisch-korrekte Faschisten und anti-deutsche Journalisten.

Die Wahrheit ist hässlich.

– FRIEDRICH NIETZSCHE

 

Der Entstehungsprozess eines literarischen Werkes bedeutet für jeden Autoren nicht nur ein Risiko und ein unentwegtes Liebäugeln mit der Altersarmut, die Langwierigkeit des Vorhabens ist durchaus mit dem Aufbau eines Unternehmens vergleichbar. In beiden Fällen setzt es Mut und Ideen voraus, die ein Einzelner mit beschränkten Mitteln verwirklichen möchte. Meine über viele Jahre erarbeiteten Ressourcen – Stipendien, Buchverträge, Nominierungen – wurden 2004 nach dem Skandal um Endstufe annulliert. Die Gründe liegen wohl vor der Hand: Wer als Kulturschaffender in der landesweiten Besserungsanstalt Deutschland schreibt, es sei „auf dieser Welt besser Täter als Opfer zu sein“, der konterkariert das historische Märchenbild und spottet dem Schuldkult der Deutschen. Infolgedessen wird er eiligst aus dem zeitgeistlichen Kontext getilgt – er darf nicht sein, sein Buch wurde niemals geschrieben. Die Medien arbeiten jetzt wie die monströse Egge in Kafkas Strafkolonie, mit dem Unterschied, dass ihre Sticheleien keinen neuen Text generieren, sondern nur ausradieren, verwischen, entstellen… Daran ändern auch weitere Publikationen nichts, sie werden entweder ignoriert oder falsch interpretiert (man sehe sich einmal an wie die MSM auf  Subs und  Schaumschwester reagierten). Im Rückblick betrachtet unterscheidet sich die Vorgehensweise des Betriebs gegen mich nicht sonderlich von der Art und Weise wie unerwünschte Schriftsteller von den Nazis in die Emigration gedrängt wurden, – mit dem Unterschied natürlich, dass ich nachts nicht abgeholt wurde, sondern dass sich die Verantwortlichen für die stalinistische Methode entschieden, das heißt, die unerwünschte Person soll den sozialen Kältetod sterben.

Im Grunde wurde mir erst im Abstand von Jahren – und nach erneutem Lesen meiner Tagebücher aus den Jahren 1999 bis 2004 –   klar: Ich bekam damals Berufsverbot erteilt, die literarischen Verlage, wo meine Arbeiten hingehören, trauen sich bis heute nicht Thor Kunkel zu verlegen. Ich kann publizieren, doch nur da, wo ich nichts ausrichten kann. „Ihre Schreibe ist uns einfach zu deutsch“, sagte mir mal ein Lektor des Frankfurter Suhrkamp-Verlags und empfahl mir en passant meinen „nordischen“ Vornamen zu ändern. („Wäre doch wirklich das Beste.“) Solche vielleicht nicht ganz ernst gemeinten Bemerkungen führten dazu, das ich vor einigen Jahren in die Schweiz auswanderte.

Natürlich bin ich an allem schuld, doch es ist falsch zu behaupten, dass ich anfangs den Dialog nicht  gesucht hätte: Als ich den FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher am 25. November 2004, im Coelicum der Katholisch-Theologischen Fakultät vor Zeugen fragte, warum mein Roman Endstufe, der mit der Faktizität einer nationalsozialistischen Pornofilm-Produktion spielt, zweimal in seiner Zeitung rezensiert worden sei, zuerst als „glänzend geschriebenes Manuskript“ und wenig später als revisionistisches Pamphlet, geriet er sichtlich ins Schleudern: „Was erwarten Sie denn, wenn Sie das Dritte Reich als großes Freudenhaus darstellen?“  „Soll das heißen, dieser Gedanke wäre nicht mehr von der künstlerischen Freiheit gedeckt? Dann gäbe es in der deutschen Literatur wieder einen Fall von entarteter Kunst…“ Schirrmacher, zu diesem Zeitpunkt selbst Autor eines Sachbuchs, hatte es eilig. Er werde „auf die Frage schriftlich antworten“ – dann schleppten ihn die Veranstalter zur Signier-Stunde fort.

Inzwischen ist Schirrmacher verstorben und ich habe mir im Abstand von zehn Jahren die Frage selbst beantworten können: Wer die vorgegebenen Kulturmuster konterkariert, wer es als Schriftsteller wagt die Evidenz deutscher „Erinnerungskultur“ in Frage zu stellen, wird aus der offiziellen Kultur ausgegrenzt, isoliert. Das entscheidende Indiz für meine nicht genehme Gesinnung könnte zuletzt auch mein unerklärlicher Vorname gewesen sein. (Oh Mutti, was hast du nur getan? Aufgrund von Vornamen wurde schon von den Nazis nach Volksschädlingen gesucht). Die eigentliche Ächtung durch die Gesinnungskameradschaft erfolgt im neu-sozialistischen Deutschland übrigens nicht über ein klar ausgesprochenes Schreibverbot, sondern über ein kollektives Beschweigen. Der ehemalige Chef vom Literarischen Kolloquium nannte es mal „das lautlose Töten im Dschungel der Kulturpharisäer“. Hier im Dunstkreis verkappter neobolschewistischer Utopisten ging es ja nie um gute Literatur, sondern stets um Lager-Zugehörigkeit. Wer dazu gehören will, – und seine Subventions-Almosen abgreifen – , der laviere sich gefälligst an der Wahrheit vorbei, um den Literaturhubmeistern, die die Stipendien verwalten, nur ja nicht auf die Zehen zu treten. Es ist betrüblich, dass die  Zensurbestrebungen heute gerade von denen ausgehen, welche in den 60er Jahren für die künstlerische Freiheit eintraten.

Kurzum: Der Versuch Endstufe wie Graffiti von der Totenmaske deutscher Kultur-Gutmenschlichkeit zu entfernen, scheiterte vorerst am Votum der Leser und dem Interesse ausländischer Verlage. (Was die Mainstream-Presse den Deutschen aber bis heute verschweigt.) Dass sich der Roman nicht domestizieren ließ, beweist auch, dass hier einer mal nicht aus „sicheren Quellen“ (gemeint sind die üblichen Gesinnungsstandards) abgeschrieben hat.

 

Abb.: Im Ausland gefeiert: Die ungarische Erstausgabe (Hardcover) von Endstufe , die italienische Paperback-Ausgabe (2006) und die erste umfassende Exegese des Romans in Plots of War von Prof. Júlia Garraio (De Gruyter Berlin/Boston 2012)

 

An meinem Platzverweis aus dem Klubsessel des literarischen Hochplateaus änderte das aber nichts. Statt der Lobhudelei durch linke Journailen erfuhr ich nun eine feuilletonistisch verbrämte Form von „institutioneller Gewalt“. Mediale Verleumdungstechniker und Internet-Mobs stellen mir immer noch nach. Meine Romane – ganz gleich, was ich schreibe – durchlaufen die Feuilletons nun in einem Rekordtempo. Selbst Alibi-Besprechungen bleiben aus. Man tut sich jedes Jahr schwerer mich überhaupt zu erwähnen, – es könnte ja meine Chance auf den Nobelpreis erhöhen … ja, wer weiß? Fast so erheiternd – : Jeden Schriftsteller, der die Vernichtung seiner Existenzgrundlage  überlebt, erwartet immerhin ein satter Erkenntnisgewinn, – er begreift, dass er seine Berufseinbildung losgeworden ist und kehrt demütig und geläutert in einen soliden Brotberuf zurück. Aus der imaginierten Karriere im Himmel der Literatur  wird wieder ein stilles Hobby, ein kleiner Zeitvertreib. Man ist tatsächlich geheilt und setzt sein altes Leben im Grabnarbenlicht der Insekten fort, um gewisse Defizite in der Sozialkasse auszugleichen oder sonst einen smarten Weg zu finden der Altersarmut, ein Schnippchen zu schlagen. Bereits Ende 2005 befand ich mich in einer prekären finanziellen Situation. All meine Steuererklärungen zwischen 2004 und 2009 belegen, dass ich systematisch von den Medien ruiniert werden sollte. Im Unterschied zu Pirinccis Vernichtung verlief die meine aber lautlos und ohne hässliche Szenen. Niemand warf Farbbeutel auf mein Haus, niemand goss mir Cola in einem Restaurant in den Nacken, die Gutmenschen ließen mich in ihrer Schweigespirale verschwinden. An einer echten Negativ-Karriere – „Schandknabe der deutschen Literatur“, den  jeder verbal anpissen darf – war ich auch nicht interessiert, das hatte ich mehrfach an Informationsoffiziere wie Volker Weidermann (FAS) signalisiert. Also zog ich mich mehr und mehr aus dem kulturellen Leben zurück. Kontakte zu befreundeten Literaturschaffenden stellte ich ein – wahrscheinlich aus demselben Grund, warum Betroffene von Vergewaltigungen kein Interesse haben, sich an Behörden wenden. Die antizipierten Reaktionen, – Gemenschel, gut gemeinte Abkanzelei oder verkrampfte Anteilnahme – , stellen oft einen zweiten Akt der Misshandlung dar, darauf kann ich gerne verzichten.

Wenn es schon schlimm genug ist, sich selbst als Opfer einer Verlags-Hinterzimmer-Intrige bezeichnen zu müssen, dann ist es noch schlimmer, wenn man einsehen muss, eigentlich wegen nichts kaputt gemacht worden zu sein. Im Nachhinein hieß es, mein Ex-Verleger – der Yuppie-Karrierist, der mich beim SPIEGEL verpfiff, habe sich mit einer „publizistischen Alt-Last“ überfordert gefühlt und dann, angesichts der Tatsache, dass Rowohlt seine Brötchen mit US-amerikanischer Fiction verdient, sei ihm die Meldung seiner Lektorats-Gouvernante Schieder, – sie habe „einen verkappten Rechten“ unter den Rowohlt-Autoren entdeckt –, wohl sehr gelegen gekommen. In einem Umfeld, in dem es obligatorisch geworden ist, „deutsche Geschichte“ im Sinne der 68er-Generation zu verbrämen, mußte meine Weigerung ein Stück „Literatur zu gegenwärtigen Zwecken“ (Martin Walser) beizusteuern, auf wenig Gegenliebe stoßen. Statt ordentlich zu lektorieren, schraubte die Gutmenschin daher Verdachtsmomente gegen mich zu einem Bild des Schreckens zusammen. Dass ich danach von der Presse wie ein schwer erziehbarer Junge angepflaumt wurde, entsprach wiederum nur einer typisch deutschen Tradition. Oder wie der Historiker Götz Aly – Jahre nach dem Skandal – einmal meinte, „der bösen historischen Kontinuität der Vergewaltigung des Mitmenschen aus Gesinnung[1]“. Und alle machten sie mit – vor allem die Feuilletons, die sich als Volkspädagogen verstehen, lieferten monatelang Negativ-Werbung: Man muss den Leuten nur etwas lange genug madig machen und sie verlieren die Lust der an Sache. Vor allem die Buchhändler/Innen zogen Endstufe in vorauseilendem Gehorsam zurück, mit der Folge, dass der Roman aus dem zeitgenössischen Diskurs ausgeblendet bleibt. Ein unversöhnlicher Hass hat die Kulturlizenz-Träger, die Mietschreiber, Netzwerk-Emanzen und kleinen Buchhändlerinnen (die alle Judith-Hermann-Fans sind) gegen mich zusammengeschweißt. Introversion und Misstrauen in die fiktionalen Möglichkeiten der Gegenwart prägen die Literatur, die sie fördern und Endstufe gehört mit Sicherheit nicht zu der substanzlosen Prosa, die der echte „Kulturbeutel“ hypt. Im Gegenteil:  Endstufe ist tatsächlich „gefährliche Literatur“,weil hier Kontext geredet wird. Und Kontext ist unerwünscht bei denen die sich als Gralshüter der ewigen Schande verstehen. Das Leben nimmt ja mit jeder neuen Generation ein Bad des Vergessens, es erhält die Chance einen neuen Anlauf zu nehmen – unbelastet von Kummer und Niederlagen. Dieser natürliche Zustand darf in Deutschland aber nicht sein, weil sonst ganz viele Institutionen, die sich als Pfeiler der neuen Zivilreligion sehen, morgen dicht machen müssten.

Welche Lehren können die „Verschriebenen“, ich meine damit die echten Schriftsteller, die mich verstehen, aus diesem Literaturskandal ziehen?  Nun, der Roman hat nicht nur die klare Bewusstseins- Fehlbildung der deutschen Elite deutlich gemacht, er ist auch der Versuch einer neuen literarischen Methode der Beobachtung und Beschreibung des Dritten Reiches. Indem er die „Nachkriegsverkrümmungen“ spürbar macht, verweist er auf Mittel der Neutralisierung des rückwärts gerichteten Blicks, der heute den Deutschen die Zukunft verbaut. Zum zweiten ist der Vorfall natürlich DAS Paradebeispiel einer perfiden Zensur, die viele nicht für wahr haben wollen.  [2]. In Italien, wo der Roman 2006 bei seinem Erscheinen gefeiert wurde, konstatierten einige Journalisten sogar einen „pathologischen Umgang der Presse“ mit meiner Person. Nur zum Beispiel: Im Zusammenhang mit den Wohlgesinnten, einen Roman, der ebenfalls aus der Perspektive des Täters erzählt, wurde Endstufe in Deutschland mit keiner Silbe erwähnt. Mit keinem fucking Sterbenswörtchen, ihr Lieben. In keiner Tageszeitung, nirgends. Unvorstellbar? – Nein, typisch für das Meinungsgemauschel der grünroten Schweisssocken-Gesellschaft, die glaubt, sie könne jetzt ungestraft Stasi-Methoden an Schriftstellern ausprobieren. Das kollektive Beschweigen wurde irgendwann so gespenstisch, dass es den Literaturwissenschaftler Gunther Nickel, Lektor des Deutschen Literaturfonds, zu einer Aussage drängte, die freilich nur in Österreich publiziert werden konnte. Zitat: „Nur vier Jahre haben genügt, damit sich im deutschen Feuilleton niemand mehr daran erinnern kann, dass eine Auseinandersetzung mit polit-pornografischer Rollenprosa schon einmal geführt wurde, nur ungleich härter, geradezu unerbittlich, um nicht zu sagen gnadenlos. Bleibt die Frage, wie es zu solcher Vergesslichkeit kommt?(…) Noch erstaunlicher ist indes, dass nicht ein e i n z i g e r Rezensent an die vor vier Jahren emsig und heftig geführte Auseinandersetzung mit Kunkels Roman wenigstens am Rande erinnert hat oder sich zu erklären anschickte, warum es richtig war, Kunkel derart abzustrafen, Littell nun aber in einem Maße zu würdigen, das das Übliche weit übersteigt.[3]

Natürlich bestreite ich nicht, dass ich von Anfang an vorgehabt hatte, das krumm und schief zusammengenagelte Geschichtsbild der Deutschen zu demolieren. Doch im Wesentlichen ging es mir um die Entdeckung einer n e u en Erzähl-Perspektive: Um das Weltgefühl der Deutschen in den Vierziger Jahren nachfühlbar zu machen, war es notwendig aus der Sicht der Täter zu schreiben. „Meine „Nazis“ waren eben keine klischierten Militaristen und Judenfresser, sondern weltoffene Dandys und moralisch entgleiste Turbokapitalisten. Heuschrecken der braunen Art. Während man tagsüber am SS-Hygiene-Institut Malaria-Lotionen synthetisierte, traf man sich nach Feierabend um Pornofilme zu drehen, die dann – „auf einer amüsiermäßig organisierten Geschäftsreise nach Nord-Afrika“ – gegen Rohstoffe eingetauscht werden sollten. In der Quintessenz porträtiert Endstufe die Nazis als Paten des heutigen US-amerikanischen Geo-Faschismus. Wir begegnen sittlich gebrochenen „Römern“ – Furien einer missglückten Aufklärung und Glücksrittern in SS-Uniform, deren größte Sorge es war, von den Beutezügen des Reiches zu profitieren. In diesem Beziehungsgeflecht einer korrumpierten Elite – Eugène Sues hätte wohl von „schrecklicher Verderbnis der im Überfluss Lebenden“ gesprochen – galt die NS-Ideologie, an die sich das Volk zu halten hatte, nur als Schnapsidee, ein allzu menschliches Streben nach Vorteilsnahme bestimmte den Kurs. Man war auf der sicheren Seite in Hitlers Verwertungskreislauf und da wollte man bleiben. Die Frage eines Schuld- oder Mitgefühls mit den Opfern kam gar nicht erst auf. Das Regime wurde auch nicht als Zivilisationsbruch erlebt, sondern als fortschrittliche, völkische „Wohlfühl-Gesellschaft“. (Es ist hier wichtig zwischen begreifen und erleben zu unterscheiden.) Die Deutschen der Vierziger Jahre fühlten sich als die fortschrittlichsten Menschen der Welt. Der eigentliche Zivilisationsbruch fand erst nach ’45 statt, nach der Kapitulation und millionenfachen Vergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen durch die „B.-Freier“. Dieses Kapitalverbrechen, das seinen Namen wahrlich verdient, bleibt bis heute das Schlüsselerlebnis zur „Befreiung“ der Deutschen von einem Regime, das sie selbst gewählt hatten. Es ist die schmutzigste aller Lügen der transatlantischen Besatzungsmacht, die auch heute noch ihre Angriffskriege folkloristisch verbrämt. Vergessen wir nicht: Auch Rommel „befreite“ einst Nordafrika von den britischen Kolonialmächten. Die Russen wollte man offiziell – so kann man es in deutschen Zeitungen von 1939 lesen – „vom Bolschewismus befreien“. Wer die Macht hat, hat eben auch die Macht seine Motive von den Medien positiv darstellen zu lassen.

 

Abb.: Erst Denunzierung, dann intellektuelle Ausbürgerung: Im Diskurs zeitgenössischer Literatur traute sich bislang nur Gunther Nickel vom Deutschen Literaturfonds in der österreichischen „Volltext“ (2/2008) auf diese „merkwürdige Vergesslichkeit“ der deutschen Feuilletons aufmerksam zu machen.

 

Nachrichtensendung und Indoktrination waren auch damals schon ein und dasselbe, die Parallele zur heutigen Mediengesellschaft ist schwerlich zu übersehen. Interviews mit Zeitzeugen eröffneten mir während dem Schreiben noch andere, nicht weniger massgebliche Perspektiven. Dazu gehörten auch Aussagen zu einer in Sammlerkreisen bekannten, nationalsozialistischen Pornofilm-Produktion, die heute zur Sammlung des renommierten Medienexperten und Kurators Werner Nekes gehört.

Doch wie kam es überhaupt zum schlimmsten Skandal der jüngeren, deutschen Gegenwartsliteratur, einem Kultur-Debakel, das 2004 von New York bis Adelaide Schlagzeilen machte? Was war das Konfliktpotential der Fiktion und das Anstößige an einem dem SPIEGEL zugespielten Werkstattbericht, den ich parallel zum Roman schrieb um meine Gedanken zu sortieren? »Notizen eines Gedankenverbrechers« könnte man ein authentisches Medientagebuch nennen, das den Skandal protokolliert. Aus diesem Grund wurde auf eine nachträgliche Klitterung des Ausdrucks verzichtet. Das Buch beschreibt was geschah und scheut sich in diesem Zusammenhang auch nicht die Schuldigen namentlich zu nennen. Die Aufzeichnungen sind eine einzigartige Fallstudie, die zeigt, mit welcher menschenverachtenden Härte die mediale Gesinnungskameradschaft ihre Exempel an Andersdenkenden statuiert – und wie tief sie fallen wird, wenn sich der gesunde Menschenverstand von seiner Moralin-Vergiftung erholt haben wird!

 

[1] In seinem 2008 erschienen Buch „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ hatte der Historiker Götz Aly einige Gemeinsamkeiten zwischen der Alt-68er-Generation und den Nazi-Deutschen der Vierziger Jahre konstatiert, was ihm das neues Establishment bis heute verübelt.

[2] Prof. Júlia Garraio, „Plots of War“, Porn, rape and the fall of the Third Reich: On Thor Kunkels novel Endstufe, erschienen im Verlag Walter de Gruyter, Boston, 2012

[3] Gunther Nickel, „Die Wohlgesinnten und die Vergesslichen: Über die Rezeption von Jonathan Littell und Thor Kunkel“, Volltext, Nr.2., Ausgabe 36, 2008, Wien