NEU: Endstufe Unzensiert – Das Recht des Menschen die Dinge anders zu sehen.

Ich erhalte momentan fast täglich Mails von Lesern, die wissen wollen, welche Passagen genau von Rowohlt gestrichen wurden. Immerhin hat die neue Endstufe ja etwa ca. 45 Seiten mehr ( Originalfassung: 632 Seiten, Eichborn Erstauflage: 587 Seiten). Im Grunde geht es um zwei komplettePassagen im dritten Großkapitel, die im Nachkriegsdeutschland spielen und die Besatzer nicht unbedingt vorteilhaft aussehen lassen. Unter Umständen gibt es auch noch andere Gründe : In dem Brief von Dr. Pfister an seinen Freund Ferfried Graf Gessner hat einer der bösen Doktoren einen jüdischen Namen… Oweia. Das war schon damals in Deutschland ein valider Grund Zensur auszuüben. Ich erlaube mir die Passage hier zu veröffentlichen, damit sich interessierte Leser selbst ein Bild machen können. Inspiriert wurden die Szenen der Gräueltaten von Zeugenaussagen aus dem Dokumentationsbericht „Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße“ (herausgegeben vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Augsburg, 1993).

Im Anschluß an den Text gibt es noch ein echtes Schmankerl, wie der Österreicher sagt. Viel Spass…

Gruß aus der Quarantäne

Thor Kunkel

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Lieber F., werter Graf Porno
obgleich ich Sie nicht mit Ihrem Namen anzuschreiben wage,

hoffe ich, es geht Ihnen gut. Ich schreibe Ihnen zu einem Zeit- punkt kalter Ernüchterung, alter Freund. Der kleine, bronzene Hahn auf meinem provisorischen Schreibtisch – ein leider völlig nutzlos gewordenes, burmesisches Opiumgewicht – erinnert mich jeden Morgen daran, daß die schönen Zeiten, als Sie mich mit nord-afrikanischer Ware verwöhnten, vorbei sind. Vielleicht wundert es Sie sogar, daß Ihr guter, alter Waldi noch lebt. Immer- hin, ein Schurke – wahrscheinlich dieser Detlevsen oder ein mir unbekannter Gestapo-Handlanger – hatte mich am Vorabend meiner Abreise überfallen und mit Scopolamin vollgepumpt. Glücklicherweise hatte ich über die Jahre auch mal mit Engelstrompeten und ähnlichem Kraut experimentiert und kann behaupten, ich bin gegen die meisten Wahrheitsseren immun. Meine Blut-Hirn-Schranke ist nicht leicht zu knacken. Trotzdem wäre ich fast an den Folgen erstickt. Obwohl es ein gräßliches Er- lebnis war, habe ich in den letzten Monaten öfters daran gedacht, wie viel ungnädiger es nun sein dürfte so weiterzuleben. Das deutsche Reich ist am Boden zerstört! Wir sind erledigt! Man hätte annehmen dürfen, daß die Hauptgrundsätze, auf welcher die moderne zivilisierte Gesellschaft beruht, unter halbwegs er- zogenen Menschen recht gut verstanden werden, doch nein, ich wurde in den vergangenen Monaten eines Schlimmeren, ja, Allerschlimmstem belehrt. Wir sind in einer ekelhaften Welt gelandet, in der wir – weißen, kultivierten Männer – schließlich ausradiert werden sollen. Oh, die Primitiven freuen sich schon auf unsere Frauen… Was nun an Schändlichkeiten verlangt wird, hätte selbst altgediente Kasernendirnen erstaunt. Doch so ist es nun mal: Seit Lilith, die große Mutter, Mann und Frau auf die Erde losließ, drängt der Trieb die Menschheit voran. Der Trieb macht Geschichte, und wer verliert wird gefickt. Doch wahrlich, es wäre ein glücklicheres Los, in diesem Krieg gefallen zu sein, als die schmähliche Annehmlichkeit meines gegenwärtigen Lebens zu genießen. Nur wenn ich schlafe ist diese Existenz zu verschmer- zen, es mangelt aber an geeigneten Träumen. O Sole mio – du gutes, abessinisches Opium… Obwohl ich auf Morphium-Vorräten sitze – und mich so über den Kohlwinter ’46 hinweggespritzt habe – bin ich alles andere als ein begeisterter Morphinist. Diese Flüge sind stets banal und blass koloriert. Ach, wie undankbar war ich doch, als ich mich damals bei Ihnen wegen eines libyschen Schoppens beschwerte! Das Hasch, daß ich ab und an in meinem Zelt rieche, ist wohl eher Haschee. Hackfleisch. Menschliches, wohlgemerkt… Ich aber kaue Vipernfleisch (selbstgefangene Vipera berus), schnupfe veraschte Alraune oder verschaffe mir mittels einer aus Stechapfel und Eisenhut zubereiteten Salbe Genuß. Was bleibt mir anderes übrig? Zugegeben, kürzlich habe ich ein paar ehemalige Flakhelferinnen zum Sammeln von Mohnkapseln animiert. Die Straßenböschungen und Schutthalden entlang der Rheinwiesen versprechen eine vorzügliche Ernte, und mit etwas Geduld finde ich auch bald in einer Bad Kreuznacher Apotheke einen passenden Destillierapparat. Damit habe ich Ihnen auch schon verraten, wo ich untergekommen bin – im Rheinwiesenlager, von den Gefangenen auch das »verfluchte Lager« genannt, weil es eines der letzten Lager sein soll, das noch nicht aufgelöst worden ist. Immerhin muß ich nicht länger mit anderen stinkenden, deutschen Erdschweinen in einem selbstgegrabenen Loch nächtigen: Ich schlafe seit Anfang Mai in einem Festzelt der Gemeinde zwischen US-amerikanischen good boys. Was für ein Menschenschlag! Unfaßbar, daß diesen Einfaltspinseln nun unser 20. Jahrhundert zufallen wird! Der deutsche Planet wird ein amerikanischer sein. Wer hätte das jemals gedacht? Doch es kommt noch schlimmer: Ich arbeite jetzt für einen Juden. Einen gewissen Ignatz Salomon Burkhard – Fluchname »Butzemann«, der in weiser Voraussicht schon ’36 nach New York emigrierte – und nun im Kielwasser des schwedischen Juden Eisenhower (»God, I hate the Germans!«) zurückgekehrt war. Wie die meisten jüdischen Ärzte ist er ein Blender und Grobian, aber unter diesen Umständen profitieren wir voneinander, zumindest brachte er mich aus dem Strafgefangenenlager heraus. – Der Grund? Er suchte einen erfahrenen Assistenzarzt, was wohl daran liegt, daß er eigentlich Zahndoktor ist, aber nun die gynäkologische Abteilung leitet. Sein forsches Auftreten ist schon imposant. »Wasz gibt es an Helgas Unterleib grrosz zu verstäh’n?« Mit dieser Ansage hatte er sich in den Augen seines SHAEF-Vorgesetzten zur Genüge qualifiziert, denn im Grunde genommen geht es den Amerikanern nur darum, die besten Bedingungen für unsere Ausrottung herzurichten. Dazu gehört selbstverständlich, die medizinische Unterversorgung der Frauen, die hier wie Ratten krepieren. Gefickte und malträtierte Ratten, müßte ich eigentlich sagen, aber es soll in diesem Lager noch besser als in Bretzenheim sein, dem ehemaligen KL Galgenberg, wenn Ihnen das vielleicht etwas sagt. Zu Doktor Butzemanns vornehmster Pflicht gehört es, die von Hilfsorganisationen gespendeten Medikamente eigenhändig, oft vor den Augen notleidender Frauen, in ein Lagerfeuer zu werfen. Für ihn sei der Morgenthau-Plan noch immer nicht aus der Welt, ließ er einmal in der Notaufnahme verlauten. Er ist wirklich sehr grob. Ein jun- ger Kerl, keine zwanzig, der Butzemann wegen Mißhandlung seiner Freundin beim Lagerkommandanten angezeigt hatte, wurde eines Morgens tot in seiner Baracke gefunden. So geht das hier zu. Mich nennt er liebevoll seinen »hasenschartigen Zwockel«, denn ich habe ihm ein Märchen von einer norwegischen Großmutter und einem österreichischen Großpapa auftischen können. Im übrigen weiß er über meine sogenannten Verfehlungen bestens Bescheid, meine Anhörungen vor der Reichsärztekammer hatten ja damals Schlagzeilen gemacht. Was er las, habe ihm zutiefst imponiert, meinte er mal, und gewissermaßen auch für seine privaten Forschungen inspiriert: Alle paar Tage läßt er so zehn, zwanzig Mädchen antanzen, was der fidele Schelm einfach »Klingelputz« nennt. Die Insassinnen müssen sich vor ihm aufstellen, ihre Nachthemden heben und Butzemann inspiziert dann, ob sie nur a.) entlaust –, b.) zwangssterilisiert – oder c.) von ihm persönlich besamt werden müssen. Er zieht tatsächlich die- selbe Büchseninspektion ab, die ich mir bei den Hamburger Dir- nen erlaubte! Wobei er nicht nur die ganze Hand in die Fleischblüte zwängt, sondern auch die eine oder andere Klitoris genüß- lich zwischen den Fingern zwirbelt, bis die Besitzerin einen verschämten Laut von sich gibt. »Dein Klingelzug gähht noch«, stellt er dann fest, ich protokolliere. Und zu Brillenträgerinnen, denen er einen Hauch von Verstand unterstellt: »Patellarrrreflex ausgezeichnet, Frrrollein! Wegträt’n, zwo – drrrrei – Marrrrrrrrrsch!« Ein Irrwitz, denn die Patellarsehne sitzt ja be- kanntlich am Knie! Ich muß alles protokollieren, wobei es mir manchmal schwer fällt, nicht selbst Hand anzulegen – aber was soll’s? Die weltliche Macht hat immer derjenige, der das Geschlechtsleben der anderen kontrolliert, und dieser Schmutz- kübel von einem Menschen hat nun die Macht. Abgesehen vom »Klingelputz« hat er auch ein sogenanntes »Geschorenen-Gericht« eingeführt; den Verurteilten wird der Kopf kahlgeschoren, die Schambehaarung mit Talglicht abgebrannt oder mit einer stumpfen Klinge rasiert. Mir, dem Assistenten, obliegt es, die ge- schundenen Genitalien mit einem Äthanol-Gemisch zu desinfi- zieren. Es tut schon beim Zusehen weh, aber das ist ja der Sinn dieser Behandlung. Verletzten, demütigen, zerbrechen. Besonders verschüchterte oder traumatisierte Frauen aus dem Osten – in der Mehrzahl Russenopfer – lädt er auch mal zu »Wochenendkuren« ein, worunter er und der Oberaufseher, ein heillos pervertierter Halbpole, hier nächtliche Ausflüge in die Auen verste- hen. Die Frauen kommen oft übel zugerichtet zurück. »Vollständige Zerrrrgliederung der toitschen Stuhte«, nennt Butzemann solche im Freien durchgeführten Untersuchungen, wobei er sich nicht selten noch in einem Kasernenhofton über die Opfer mokiert. Und zeugt es nicht von einem ausgeprägten Sinn von Humor, wenn er statt Tripper Beschälseuche notiert oder andere tiermedizinische Termini bei seiner Behandlung gebraucht?

Nun, immerhin kommen die meisten lebend davon. Eine wegen Diebstahls internierte Jüdin, auf die er es ebenfalls abgesehen hatte, und die sich offenbar sträubte ihr letztes zu geben, hatte weniger Glück. Ihre Leiche wurde in einem angrenzenden Waldstück gefunden. Irgendein Wahnsinniger hatte sie an einen Baum gebunden und ihre Brüste mit einem Messer entfernt. Die Bilder vom Tatort erinnerten mich stark an unseren zweiten Sachsenwald-Film und führten mir deutlich vor Augen, wie unendlich naiv wir doch waren. Wie Butzemann mit Menschen umgeht, das hat wirklich – wie würde man sagen – eine andere Qualität. Aber bekanntlich straft nur einer im Lager durch Amputation – mein Butzemännchen natürlich: Brüste, Finger, Zehen, manchmal auch eine Wade, um dem Wundstarrkrampf ein Schnippchen zu schlagen. – Warum sollte auch jemand seine Diagnose bezweifeln? Er könnte alles mögliche diagnostizieren und niemand würde ihm widersprechen. Ich war einmal dabei, wie er am Krankenbett einer aufsässigen BDM-Göre stand und in seinen ausklappbaren Schautafeln zu blättern begann. Es war ihr dritter Fluchtversuch und Butzemanns Gegenmaßnahme nannte sich in der Regel Einschränkung der Mobilität durch chirurgische Mittel. Eine durchtrennte Achillessehne zum Beispiel. Glücklicherweise kam der Wildfang aber mit einer amputierten Zehe davon. Natürlich habe ich Butzemann anfangs gefragt, was das alles soll. Diese Frauen hatten nichts auf dem Kerbholz, die meisten waren nicht einmal in irgendeinem Verband. Butzemann nannte es Rache – Rache nach seinem Geschmack. Das moralische Recht sei auf sei- ner Seite, es sei »gerecht«. Es ist das Wort, das hier andauernd fällt. Es ist gerecht, den Krauts das Leben zur Hölle zu machen. Es ist gerecht Vergeltung zu üben. Es ist gerecht, den Rassen- hochmut zu brechen. Es ist gerecht, aus Offizieren Fußabtreter zu machen. Es ist gerecht! Es ist hier – und ich sage es noch einmal – gerecht. Um ehrlich zu sein, ich habe mich so sehr an diese Art der Gerechten gewohnt, daß mir jede Vorstellung von Ungerechtigkeit abhanden gekommen ist. Besonders die Farbigen spielen sich hier überall wie Hilfs-Sheriffs auf. Jeder Vorwand ist ihnen recht, um eine weiße Frau in die Mangel zu nehmen. Und ich – ja, mein Gott, ich sehe lieber weg, obwohl das, was ich hier tagtäglich erlebe, den Vorgängen in den KLs um nichts nachstehen dürfte. Besonders schlimm sind die, welche auf das Schänden verzichten und stattdessen den geistigen Austausch mit einem suchen. Ja, ganz recht, es geht um den einfältigen Neger, den Analphabeten und Baumwollpflücker, der tatsächlich glaubt, jeder Deutsche müsse ihm zuhören und Beifall zollen, wenn er von »einem schwarzen Staat« faselt. Es ist unfaßbar, aber ausgerechnet so ein Primitivling in Sergeant-Uniform erstattet mir regelmäßig Besuch. Das Gute? – Er erfreut mich jedes mal mit einer Flasche Tennessee-Whiskey! Das Schlimme? – Er glaubt mir erklären zu müssen, wie die Zukunft des deutschen Reiches aussehen wird. Der schwarze Mann sei in dieses Land, – Krautland –, nicht als Sklave, sondern als Eroberer einmarschiert. Es wäre so wie damals im wilden Westen, nur seien die Afro-Amerikaner die Cowboys und wir Krauts ein Haufen dummer Rothäute, die jetzt ihr Land und ihre »Sauerkraut-Pussies« gegen Hershey bars und Zigaretten eintauschen müßten. Die Krauts wüßten das auch und deshalb würden sie überall wie die Fliegen krepieren – aus Scham. Nach dem, was die Jungs von der 45. Infanterie Division in Dachau entdeckten und die Ruskis in Auschwitz, sei ein Weiterleben ja gar nicht mehr möglich. Ich wage nicht zu fragen, warum eigentlich nicht?

Mal unter uns, alter Schwede: Hatten Sie davon gewußt – von dieser Auschwitz-Geschichte? Sie arbeiteten doch sozusagen in der Höhle des Löwen. Schlimm, schlimm, wenn das alles stimmt. Natürlich haben wir von Entjudungsgeschäften und ähnlichen Schikanen gewußt, aber Gaskammern? So wie man sie in den Staaten zur Hinrichtung von Mördern benutzt? – Weil es besonders human sein soll, Menschen so über den Jordan zu schicken? Die Idee scheint einem kranken Gehirn entsprungen zu sein. Die Amis, so heißt es, treiben jetzt deutsche Zivilisten strafweise durch die befreiten Lager an den Leichenbergen vor. Manche müssen die frisch ausgebuddelten Toten im Anschluß begraben, so wie es in Buchenwald und Dachau geschah. Ich fürchte, aus diesen Massenmorden wird bald ein großes Politikum werden, und ein Pfandbrief an diejenigen, die von nun an die Geschicke Deutschlands bestimmen. Ein paar Jahrzehnte Gehirnwäsche und alle späteren Generationen werden sich fragen, warum deutsche Frauen und Kinder nicht zu Kochlöffeln und Rasseln gegriffen haben, um gegen die Gestapo zu kämpfen. Ja, warum bloß haben sie nicht den Aufstand gewagt? Wo ein Wille ist, da ist bekanntlich immer ein Weg. Über die internierten Landfahrer, Kommunisten und kastrierten Schwuletten redet in unserem Lager kein Schwanz, – was wohl daran liegt, daß der Krieg gegen Deutschland von denen nicht mitfinanziert wurde. Ehrlich gesagt, ich hatte die Internierung der Juden bis vor Kurzem für eine Vorsichtsmaßnahme gehalten. Nach der Kriegserklärung an Deutschland hatte die Führung des Reiches schon aus kriegsrechtlichen Gründen gar keine andere Wahl. Als die USA in den Krieg eintraten, da wurden ja auch alle in den Staaten lebenden Japaner enteignet und zwangsinterniert. Die Lager hatten bei weitem nicht den Standard unserer KLs. Überhaupt: Was ist die Empörung der Juden über ihre Verfolgung anderes als die Empörung von Wölfen, die nicht fassen können, daß sie von Schafen gejagt und kaltgemacht wurden? Ich habe mir lange darüber Gedanken gemacht, denn normalerweise gehen die Opfer von ethnischen Säuberungen doch einfach nach Hause und freuen sich, daß sie noch leben. Nicht dieser Menschenschlag, glauben Sie mir. Ich befürchte fast, daß es nun erst richtig losgehen wird. Der Rollentausch muß diesen hochfahrenden Raub- menschen zutiefst zugesetzt haben. Seit Jahrhunderten leben die Kinder Davids bekanntlich von den handzahmen Herden Europas. Die dachten, es könne ihnen keiner ans Leder, weil sie ja in der Regel, bevor sie in einem Land parasitieren, dessen Gesetzgebung und Wertesystem genaustens studieren. Der echte Schmock ist immer auch ein gewiefter Jurist. Mit seinen Reformationen setzte unser engagierter aber kurzsichtiger Führer die uralten, babylonischen Spielregeln dieser Welt außer Kraft. Plötzlich waren bestimmte biologische Eigenschaften mehr wert als Gold, die Substanz und der Charakter eines Menschen wichti- ger als der Schein. Infolgedessen wäre vom jüdischen Geldadel nicht allzu viel übrig geblieben. Und daß man sie zwang diese Kröte zu schlucken, diese Schmach werden sie niemals verzeihen. Unsere Fürsprecher wurden inzwischen beseitigt. Jedem, der etwas zu unserer Verteidigung sagte, wurde ein Maulkorb verpaßt, um uns als Volk total ins Unrecht zu setzen. Sie erinnern sich vielleicht – für General Patton waren wir Deutsche noch »die einzigen anständigen Leute, die in Europa übrig geblieben sind«. Angeblich hatte er bereits einen Kreuzzug gegen Stalin geplant, doch bevor Patton mit seiner eigenen SS-Division vom Tegernsee aufbrechen konnte, ereilte old blood’n guts ein mysteriöser Autounfall. Sie haben vielleicht davon in der Zeitung gelesen und sich Ihren Teil denken können: Patton war bekennender »Antisemit«. Deshalb wurde er aus dem Weg geräumt, so wie sie von nun an alle aus dem Weg räumen werden, die nicht wollen, daß die Zukunft der Menschheit von einer Bande bekloppter Jidden in Form einer supranationalen Finanzamöbe bestimmt werden wird. Doch was soll’s, unsere Kindeskinder werden von nun an unter der Bürde ächzen, als Deutsche geboren zu sein. (Ein Glück, daß ich weder Kinder, noch Kindeskinder haben werde!) Und das war’s, werter Graf: Nichts und niemand wird die Durchfäule unserer Sprache und Kultur aufhalten können. Im Unterschied zu unserer Führungsriege aus Stümpern und Schol- lenmystikern haben die good boys ja eine Routine mit dem Ausra- dieren anderer Völker. Sie werden es einfach tun.

Sicher, ich weiß, was sie jetzt denken, degenerierte Typen wie wir wären bei den Amis doch sicher willkommen. Um die Welt zu verniggern, braucht man Tschandalenmusik und Sachsen- wald-Filme en masse… Wir könnten demnach expandieren und unter den Fittichen Hollywoods – an Mammons goldener Leine – eine Saxonwood Movie Inc. gründen. Ich bin sicher in ihrer schönen neuen Welt, herrscht schon bald immenser Bedarf. Was glauben Sie?

Heute weiß ich, ich lag grundverkehrt, alter Freund: Ich glaubte in unseren Filmen das jubelnde Fleisch zu beschwören, das verlorene, arkadische Paradies ohne Geld, Krieg und Haß. Was war ich doch für ein Esel –

Kurz und gut, mit diesem Brief wollte ich mich von Ihnen ver- abschieden.

Es war mir eine Freude, mein Graf, – doch c’est la vie! Unsere tollen Tage im Sachsenwald werden mir in Erinnerung bleiben. Und ja, ich hätte gerne noch einmal mein Elternhaus im fernen Blauenthal wiedergesehen, doch wie ich hörte, wurde der Ort in- zwischen vom Flecktyphus gründlich entvölkert. Stattdessen haust dort nun die US-Infanterie, geimpfte Cowboys mimen den röhrenden Hirsch. Und es soll dort sogar einen Negerkoch ge- ben, der – halten Sie sich fest! – Hirschkäfer sammelt. Sie können sich vorstellen, daß es in den letzten Jahren kaum eine Nachricht gegeben hat, die mich tiefer und nachhaltiger traf. Verlassen Sie sich also darauf, sobald ich einen Destillierapparat in die Finger bekomme, werde ich mir aus Papaver somniferum eine Fahrkarte in die ewigen Jagdgründe synthetisieren!

Leben Sie wohl! Untertänigst Ihr Waldi F. Pfister